Nordwest-Fassade des Einsteinhauses

Nordwest-Fassade des Einsteinhauses

Ein Sommerhaus

Einstein war überzeugt davon, dass Gott nicht würfele. Falls die neuen Quantentheorien der 1920er Jahre diesen Glauben nicht erschütterten, so könnte der Bau seines eigenen Hauses dies sehr wohl getan haben. Dessen Geschichte war so sehr von Zufällen und unerwarteten Veränderungen bestimmt, dass selbst eine höhere Macht, ihr Ende nicht hätte vorhersagen können.

Anfang 1929 erhielt Einstein Besuch von Berlins Bürgermeister Gustav Böss. Zum fünfzigsten Geburtstag des Nobelpreisträgers wollte die Stadt ihrem berühmtesten Wissenschaftler ein Grundstück am Wasser schenken. Ob er daran Interesse hätte? 



So absehbar Einsteins Antwort gewesen sein mag  - unternahm er doch oft Segeltörns mit seinen Freunden auf der Havel, und seiner nach einem Kreislaufkollaps im Vorjahr angeschlagenen Gesundheit würde ein ruhiges Plätzchen auf dem Lande sehr gut tun -, alles was dann folgte, war es kaum.
Als Einsteins Frau Elsa das erste von der Stadt angebotene Haus besichtigen wollte, musste sie feststellen, dass es bewohnt war. Der Mieter informierte sie umgehend darüber, dass sie Hausfriedensbruch begehe. Die Stadt hatte offenbar übersehen, dass der ehemalige Besitzer sich ein Wohnrecht vorbehalten hatte. Böss bot an, die Mieter hinauszuwerfen, doch Einstein wollte niemandem sein Refugium nehmen, nur damit er sein eigenes haben konnte. Der Bürgermeister schlug daraufhin vor, stattdessen ein Grundstück zu suchen und den Einsteins dort ein neues Haus zu bauen.
Während die Stadt nach einem geeigneten Stück Land Ausschau hielt, sah ein siebenundzwanzigjähriger Architekt namens Konrad Wachsmann die morgendliche Post bei Christoph & Unmack, einer Baufirma in der sächsischen Stadt Niesky, durch und stolperte über eine kleine Zeitungsmeldung. Darin stand, dass die Stadt Berlin Albert Einstein ein Haus auf dem Lande bauen würde. Nach seinen Vorlieben befragt, so teilte der Artikel mit, soll Einstein den Wunsch nach einem Holzhaus geäußert haben. Das machte Wachsmann hellhörig. Christoph & Unmack war einer von Deutschlands wichtigsten industriellen Herstellern von Holzhäusern. Die Firma hatte sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts zunächst auf mobile Baracken und Feldlazarette spezialisiert. Als der Mangel an Stahl und Zement deutsche Architekten und Ingenieure nach dem Ersten Weltkrieg zwang, immer öfter auch Holz als modernes Baumaterial zu nutzen, bauten Christoph und Unmack auch Häuser für die Zivilbevölkerung. In den 1920ern konnten sie auch angesehene Bauhaus-Designer wie Walter Gropius und Hans Scharoun gewinnen.
Sobald er den Artikel gelesen hatte, beschloss Wachsmann, Einsteins Haus zu bauen - ein mehr als kühner Entschluss. Nicht nur war er Einstein noch nie begegnet, sein bisheriger Werdegang entsprach auch nicht gerade dem eines Architekten, der das Haus des weltweit bekannten Wissenschaftlers bauen würde.