Im Sinne Einsteins

Nicht lange nachdem seine allgemeinen Relativitätstheorie durch britische Wissenschaftler im Jahre 1919 bestätigt worden war, wuchs Einsteins Ruhm in einem unvergleichbaren und für einen Wissenschaftler außergewöhnlichen Maße. In Wahrheit grenzte dieser Ruhm an Heiligenverehrung. William Carlos Williams schrieb ein Gedicht mit dem Titel "St. Francis Einstein of the Daffodils", und Einsteins Bildnis wurde in einer protestantischen Kirche in New York neben die Statuen von Heiligen und Königen platziert. Einstein freundete sich nie mit seinem Status als - wie er scherzhaft sagte - jüdischen Heiligen an. Nicht nur, dass er nicht verstand, warum er so sehr verehrt wurde, seinen demokratischen Grundsätze widerstrebte auch die Idee, einige wenige Individuen wegen ihrer angeblich übermenschlichen Fähigkeiten herauszustellen. Für Einstein zeitigt Ruhm hauptsächlich Götzendienste, und er tat, was er konnte, um den Kult um seine Person zu unterbinden. In seinem Testament verfügte er, seine Leiche solle verbrannt und die Asche an einem anonymen Ort verstreut werden; sein Haus aber solle auf keinen Fall ein Museum werden.

Dieser Ikonoklasmus stellt für die Nutzung des Hauses in Caputh ein Problem dar. Wie kann Einsteins Wirkungsstätte erhalten werden, ohne sie in einen Reliquienschrein zu verwandeln? Die jüngste Renovierung des Hauses wollte das Vorhandene so weit wie möglich in seiner Originalgestalt bewahren, die natürliche Schönheit der Baumaterialien offenbaren und die ursprüngliche Farbgestaltung wiederherstellen. Sie wollte keinen Wallfahrtsort errichten. Sieht man von einer 1979 angefertigten Replik des Einstein'schen Schreibtischs ab,  lässt das Interieur die Atmosphäre aus Einsteins Tagen nicht künstlich wieder aufleben. Die neuen, speziell für das Haus gestalteten Einrichtungsgegenstände des Potsdamer Designers Jörg Hundertpfund sind bewusst zurückhaltend und schlicht.

Vor allem aber soll das Haus nicht von seiner Vergangenheit zehren, sondern der Gegenwart dienen. Ganz wie einst bei Einsteins soll auch heute hier ein engagierter Gedankenaustausch zwischen Intellektuellen aller Disziplinen möglich werden. Das Haus, das am 22. Mai 2005 wiedereröffnet wurde, soll im Sinne Einsteins produktiv genutzt werden. Das Einstein Forum wird es sowohl als Veranstaltungsort z.B. für Workshops und Seminare, als auch als Treffpunkt für Nobelpreisträger und andere bedeutende Denker nutzen. Das Gartenhaus soll während der Sommermonate jungen Wissenschaftlern zur Verfügung stehen, die mit Hilfe eines kleinen Stipendiums Projekte verfolgen möchten, die die Grenzen ihres bisherigen Forschungsschwerpunkts überschreiten. Darüber hinaus wird das Haus aber auch künftig in beschränktem Rahmen der Öffentlichkeit zugänglich sein, um einen Einblick in das Leben Albert Einsteins und das Können Konrad Wachsmanns zu ermöglichen. "Es ist ein erfreuliches Zeichen für unsere als materialistisch gescholtene Zeit," so schrieb Einstein einmal, "daß sie aus Menschen Heroen gestaltet, deren Ziele ausschließlich auf geistigem und moralischem Gebiet liegen." Das Einsteinhaus möchte dazu beitragen, dieses Gebiet zu bewahren.